Der richtige Werkstoff  für eine Dichtung

Mithilfe von Ölbädern, Autoklaven und Magnetrührwerken können auch aggressive Kraftstoffe und inhomogene Blow-by-Gas-Gemische bei erhöhten Temperaturen geprüft werden (Bild: O-Ring Prüflabor Richter GmbH)

16.09.2019 Der richtige Werkstoff für eine Dichtung

Trends und Entwicklungen im Überblick

von Dipl.-Ing. Bernhard Richter (O-Ring Prüflabor Richter GmbH)

Die Antwort auf diese Frage ist angesichts der Vielzahl von Rohstoffen, Compounds und anwendungsspezifischen Rahmenbedingungen nicht einfach zu beantworten und erfordert viel Know-how auf verschiedenen Ebenen. Experten geben Impulse, worauf zu achten ist und wohin die Reise geht. 

Bei Werkstoffen nehmen wir aus Sicht eines Prüflabors aktuell diverse Marktveränderungen wahr. Ein Beispiel sind Trinkwasserdichtungen, da sich die Bewertungskriterien für die Zulassung von Stoffen durch die neue Elastomerleitlinie des Umweltbundesamtes geändert haben. Diese wird ab 01.01.2022 voll in Kraft treten und spätestens dann muss der Umbruch hin zu neuen Rezepturen vollzogen sein. Auch im Lebensmittel-/Pharmabereich findet eine Umstellung der Rezepturen statt, weil sich immer stärker die Rechtsauffassung durchsetzt, dass die Konformität zur EC1935/2004 mit Erfüllung der entsprechenden FDA-Richtlinien nicht eindeutig abgesichert ist. Daher werden zunehmend Rezepturen eingesetzt, welche der BfR-Empfehlung XXI entsprechen. In der Automobilindustrie werden EPDM-Werkstoffe für Kühlsysteme von Kraftfahrzeugen weiter bezüglich ihrer Wärmebeständigkeit verbessert. Diese müssen zusätzlich gegen die weiterentwickelten Kühlmittelzusätze beständig sein. Im Bereich der kraftstoffbeständigen Elastomere – das sind fast ausschließlich FKM-Polymere – findet eine kontinuierliche Weiterentwicklung zur Verbesserung der Tieftemperatureigenschaften statt, gleichzeitig spielt bei der Auslegung auch eine gute Beständigkeit gegen Blow-by-Gase bzw. gegen deren Kondensate eine zunehmende Rolle. Parallel dazu finden in der Dichtungsindustrie Beständigkeitsprüfungen gegen zukünftige, synthetische Kraftstoffe statt.

Als Dienstleister reagieren wir hier, indem wir unser Weiterbildungsangebot kontinuierlich aktualisieren und Vertiefungsseminare für Spezialisten anbieten. Auch das O-Ring Forum, das wieder im März 2020 stattfindet, wird den Austausch zwischen Dichtungsherstellern und Anwendern bei der Lösung aktueller Fragestellungen fördern. Darüber hinaus haben wir unsere Prüfmöglichkeiten und -kapazitäten kontinuierlich erweitert, um unseren Kunden schnell belastbare Ergebnisse aus Werkstoffuntersuchungen zur Verfügung zu stellen. Zur besseren Absicherung der Prüfergebnisse haben wir auch eine neue CAQ-Software eingeführt. Darüber hinaus wurde die Analytik weiter ausgebaut, um bei Schadensanalysen noch präziser den Verursacher zu identifizieren, aber auch, um unseren Kunden aufzuzeigen, in welchen Details der Rezeptur der feine, aber entscheidende Unterschied teilweise liegt. Damit ist auch unser zukünftiger Weg vorgezeichnet: Wir werden unsere Prüfungskompetenz weiter ausbauen und sie mit dem vertieften Wissenstransfer über die Herstellung und Anwendung von Dichtungen verbinden. Entwicklungspotenziale sehen wir dabei auch vermehrt im Einsatz der FEA zur umfassenderen Beschreibung der Viskoelastizität mittels DMA-Daten. Mit diesem Ansatz lassen sich die Leistungsgrenzen von Dichtungswerkstoffen bei tiefen Temperaturen und schnellen Spalt­änderungen optimal darstellen.

Bernhard Richter, Geschäftsführer, O-Ring Prüflabor Richter GmbH
„Werkstoffentwicklungen quer durch alle Branchen erfordern eine immer bessere Mess- und Prüftechnik und viel Know-how, um aus den Messergebnissen die richtigen Erkenntnisse für die Praxis zu ziehen.“ Bernhard Richter, Geschäftsführer, O-Ring Prüflabor Richter GmbH