Kautschukindustrie: Umsatzplus überdeckt strukturelle Herausforderungen

(Bild: ISGATEC GmbH)

06.03.2018 Kautschukindustrie: Umsatzplus überdeckt strukturelle Herausforderungen

Der Branchenumsatz der deutschen Kautschukindustrie konnte nach Informationen des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie e.V. (wdk) 2017 um 4,2 % auf 11,74 Mrd. € gesteigert werden.

Auch 2018 ist ein Umsatzplus von etwa 2 % möglich. Im Detail ist die Branchensituation aber komplexer und offenbart eine Vielzahl struktureller Herausforderungen für die überwiegend mittelständischen Unternehmen. Das Umsatzplus der Branche setzt sich aus einem Zuwachs im Inlandsgeschäft von 3,3 % und einem Exportanstieg von 6,3 % zusammen. Die Reifenhersteller konnten den Umsatz um 3,3 % erhöhen, die Hersteller von technischen Elastomer-Erzeugnissen (TEE) um 4,9 %. Ausschlaggebend für das Umsatzplus waren in erster Linie keine Absatzsteigerungen, sondern massive Rohstoffpreiserhöhungen, insbesondere im 1. Halbjahr 2017.

Für die Hersteller von TEE – überwiegend industrielle Zulieferer – erwies sich die gute Binnenkonjunktur in der Bauwirtschaft und beim Maschinenbau als stabile Stütze des Inlandsgeschäfts. Die Aufträge aus der Automobilindustrie konnten dagegen im Inland nicht an das Vorjahrsniveau heranreichen. Kompensation brachten zum Teil kräftig steigende Bestellungen von europäischen Handelspartnern sowie eine insgesamt gegenüber 2016 verbesserte Weltkonjunktur. Neben dem Aspekt, dass die Automobilindustrie im Inland in Summe weniger Aufträge abrief, stellte ein veränderter Auftragsmix zunehmende Anforderungen an die Unternehmen der deutschen Kautschukindustrie. Einem massiven Rückgang der Dieselnachfrage in Deutschland stand eine erhöhte Produktion benzinbetriebener Fahrzeuge gegenüber und erhöhte den Bedarf entsprechender Zulieferkomponenten bei gleichzeitiger Reduzierung geplanter Zulieferteile für Dieselfahrzeuge. Diese Situation führte dazu, dass bei vielen Automobilzulieferern der Branche auf der einen Seite ganze Produktionslinien nur schwach ausgelastet waren, während bei anderen Prozessen die Kapazitäten nicht ausreichten. Insgesamt lag die Kapazitätsauslastung der Branche 2017 um gut 4% höher als 2016. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass durch eine Reifen-Werksschließung Mitte des Jahres die verfügbare Kapazität gesunken ist.

Die Inlandsinvestitionen der deutschen Kautschukindustrie sind 2017 zwangsweise überproportional gestiegen. Angesichts der bereits spürbaren (Diesel) und absehbaren (E-Mobilität) Veränderungen in der Automobilindustrie, getrieben von Anforderungen aus der Digitalisierung von Prozessen und Produkten sowie von deutlich erhöhten Zertifizierungsanforderungen (z.B. Nachhaltigkeit, IT-Sicherheit), sind die Unternehmen der deutschen Kautschukindustrie gezwungen, ihre Investitionsausgaben zu erhöhen. 2017 stiegen die Investitionen um knapp 14 %.

Bei TEE erfreut sich das noch junge Segment von TPE-Produkten eines zweistelligen Wachstums und trägt damit das Produktionswachstum insgesamt. Bei klassischen TEE war trotz guter Konjunktur in 2017 im Branchendurchschnitt allenfalls Stillstand zu verzeichnen. Die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland im internationalen Vergleich – auch bei unternehmensinternen Benchmarks zwischen Fertigungsstätten – schlägt hier zu Buche: Wesentliche Einflussfaktoren sind im internationalen Vergleich hohe Energie- und Lohnkosten, strengere Auflagen bei Emissionen und (externen) Qualitätsprüfungen sowie Einschränkungen der Kreislaufwirtschaft, insbesondere von Reifen. Ein weiterer limitierender Faktor für eine Bestandssicherung am Industriestandort Deutschland ist die Angebotssituation auf dem Arbeitsmarkt. Viele Unternehmen suchen vergeblich geeignete Fachkräfte.

Für das laufende Jahr erwartet die Branche eine Verschärfung der existenziellen Anforderungen an die Unternehmensausrichtung. Der positive gesamtwirtschaftliche Konjunkturzyklus entlastet die Unternehmen und sorgt für keinen zusätzlichen Druck auf die angespannte Ertragslage. Dieser könnte sich allerdings bei den künftigen Lohnkosten auftun.