Corona ist nicht das Problem

Corona

05.03.2021 Corona ist nicht das Problem

von Karl-Friedrich Berger (ISGATEC GmbH)

Derzeit wird viel und zunehmend intensiver über die aktuelle Pandemieentwicklung diskutiert.

Wenn man die Reaktionen der Politik auf die Herausforderungen wahrnimmt, kann man aus meiner Sicht nicht von systematischem, zielführendem Handeln ausgehen. In Abständen von ca. zwei Wochen wurden Entscheidungen gefällt, revidiert und Hoffnung geschürt. Teilweise war der Bürger mit fast panischen Vorschriften des Bundes, der Länder und Gemeinden konfrontiert. Dabei war oft nicht klar, was wann für wen gilt, und das „Warum“ blieb auch intransparent. Vertrauensbildend war und ist dies aus meiner Sicht nicht. Ein zentrales Argument für die Vorgehensweise war, dass man sich nicht vorbereiten konnte – aber kam all dies überraschend? Eigentlich nicht, das mögliche Szenario wurde, basierend auf den Daten aus der SARS-Coronavirus-Pandemie 2002/2003, im Jahr 2012 in einem Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz durchgespielt. 2016 hat das Robert Koch-Institut dann einen Nationalen Pandemieplan 2 veröffentlicht. Wie konnte es dann 2020 so weit kommen? Das Problem war und ist, dass man solche Ereignisse als wenig realistisch, da nur alle „Jahrhunderte“ vorkommend, einschätzte. Darüber hinaus zeigen sich in der jetzigen Pandemiesituation Probleme in vielen Bereichen wie in einem Brennglas gebündelt. Unsere teilweise jahrzehntelangen Versäumnisse, z.B. im Bildungswesen, in der Digitalisierung, bei der Anpassung der Pflege an den demographischen Wandel sowie eine Ertüchtigung der Verwaltungen aber auch der kostengetriebene Abbau im medizinischen Bereich und bei der Polizei haben unsere Handlungsspielräume eingeengt. Wir erleben gerade, dass Verordnungen wenig nützen, wenn sie in der Praxis nicht oder nur mit massiven Einschränkungen, u.a. in der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes, umgesetzt werden können. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, „Unmögliches“ zu denken und Vorsorge für erwartbare Entwicklungen und Szenarien zu treffen?

Das was hier passiert, ist aber kein Einzelfall. Denn wer nun mit dem Finger auf die Politik zeigt, sollte sich beherrschen, denn leider ist auch in der Industrie vorausschauendes Denken nicht sehr ausgeprägt. Zwar erstellt jedes Unternehmen für anstehende Jahre Pläne, doch sind diese zumeist an den Erlebnissen der Vergangenheit orientiert. Kam der Mobilitätswechsel, weg vom Öl hin zu alternativen Antrieben, überraschend? Nein, schon vor Jahren sprach man davon, dass Öl endlich ist. Fracking und die Erschließung weiterer Ölquellen verlängerten den Zeitraum, sodass man sich nicht unter Druck fühlte. Hat sich das Klima plötzlich verändert? Nein, seit Jahrzehnten weiß man, dass sich die Erde dramatisch erwärmt – mit z.T. dramatischen Folgen für die Weltbevölkerung. Waren die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, der Robotik, des 3D-Drucks und ihre Möglichkeiten und Auswirkungen nicht vorhersehbar, nutzbar? Und auch wenn es nicht die großen Themen sind, auch unsere Arbeitswelt passt sich nur langsam an. Über die Digitalisierung des Vertriebs, über Homeoffice-Möglichkeiten etc. wird schon lange diskutiert. Passiert ist wenig – und letztes Jahr ging dann alles ganz schnell. Und wir lernen mal wieder, dass, wenn Entwicklungen nicht bewusst, proaktiv angegangen werden, die Hürden immer höher werden. Unternehmen handeln aus meiner Sicht oftmals erst, wenn es notwendig ist. Da überrascht es mich nicht, dass nur ein Drittel aller Unternehmen jeweils ein Jahrzehnt überleben. Was sagte Professor Dr. Eckard Minx, Honorarprofessor für Soziologie der Technik an der HTW Berlin und am Institut für Transportation Design an der HBK Braunschweig, anlässlich eines Vortrages: „Man erkennt nur, wenn eine Krise einem die Augen öffnet. Wir können nur wahrnehmen, was wir kennen, und eine Sprache dafür haben. Wir können nicht erkennen, was wir emotional nicht wahrnehmen wollen, und nur erkennen, was für unser persönliches Zukunftsbild bedeutsam ist.“ Die Aussage macht jetzt wenig Hoffnung, da wir angehäufte Probleme, die sich auch noch gegenseitig bedingen, nicht in kurzer Zeit zufriedenstellend regeln können. Das erleben wir gerade.

Was gilt es zu tun? Die bisher eigene Wahrnehmung kann Teil des Problems sein. Wir müssen mit Unsicherheit leben lernen – „Regeln brechen“ – neue Wege öffnen und beschreiten, einiges anders machen, als wir es bisher gemacht haben. Dieses braucht aber immer einen Rahmen, über den bei den Beteiligten Konsens herrschen muss. Sonst führen neue Wege irgendwo hin. Und neue Wege und Lösungen müssen und können am Anfang nicht perfekt sein, 50 bis 90 % „Perfektion“ reichen am Anfang auch aus. Viel entscheidender ist, dass wir auf dem Weg schnell lernen und das Gelernte schnell in einem definierten Rahmen umsetzen. Wir müssen unser Denken und Handeln verändern, um zu erfahren, wo und ob wir falsch liegen. Wir müssen auch für zunächst abweichende Ideen offen sein, auf Vorrat denken, Unmögliches denken, über Grenzen hinausgehen und lernen. Und dies inzwischen in einer Geschwindigkeit, die wir uns nicht ausgesucht haben, und im Vertrauen auf einen Rahmen, den wir uns in der Gesellschaft oder im Unternehmen gegeben haben. Wenn man das reflektiert, ist Corona nicht das Problem, sondern das Signal, wo wir gerade stehen.

Karl-Friedrich Berger,  Gesellschafter, ISGATEC GmbH
„Die Pandemie zeigt uns viele Problemfelder auf. Entscheidend wird für die Zukunft sein, was wir daraus lernen.“ Karl-Friedrich Berger, Gesellschafter, ISGATEC GmbH