„Der Homo Oeconomicus strauchelt in der Corona-Krise.“

(Bild: ISGATEC GmbH )

27.05.2021 „Der Homo Oeconomicus strauchelt in der Corona-Krise.“

von Thomas Stein (IMTS Interims Management Thomas Stein)

Was ist ein Homo Oeconomicus? Nach Gablers Wirtschaftslexikon der „ […] ausschließlich wirtschaftlich denkende Mensch“, dessen „Hauptmerkmal seine Fähigkeit zu uneingeschränktem rationalen Verhalten“ ist.

So weit, so gut. Aber was haben wir die letzten Jahre bei wirtschaftlich denkenden Menschen überwiegend erlebt? „Geiz ist Geil“ ist in aller Munde und wurde zum zentralen Entscheidungskriterium. Wirtschaftliche Betrachtungsweisen wie der TCO (Total Cost of Ownership) wurden auf simple Preisvergleiche reduziert. Die technische und funktionale Qualität verlor dabei an Bedeutung und der „Billigste“ machte das Rennen.

Damit wir uns recht verstehen – ich rede hier keineswegs überzogenen Preisen das Wort, ich erinnere schlicht daran, dass eine ganzheitliche Betrachtung – wie z.B. TCO – oft die wirtschaftlich sinnvollere Betrachtungsweise ist. Durch das Einbeziehen einer ganzheitlichen Qualitätsund Eignungsbetrachtung steht die Entscheidung für diesen oder jenen Lieferanten, dieses oder jenes Produkt dann auf stabilen Füßen.

Eine Geiz-ist-Geil-Mentalität wirkt sich zudem auf Lieferantenbeziehungen aus. Und wie ist es so manchem schlicht auf den niedrigsten Einkaufspreis fixierten Unternehmen in den letzten Monaten ergangen? Etwa, wenn man, z.B. bei der Beschaffung rarerwerdender Güter, auf Partnerschaften angewiesen ist?

Nicht umsonst stand das BME-Symposium am 12.11.2020 unter dem Motto „Lieferketten im Spannungsfeld zwischen Weltpolitik und Corona-Krise“. Seit April sind die Auswirkungen der Pandemie spürbar – Ware aus Asien kommt, obwohl frühzeitig bestellt, nicht mehr rechtzeitig. Die Lager sind leer. Vorräte müssten aufgebaut werden – aber wie, wenn keine Lieferung durchkommt oder die eintreffenden Lieferungen gerade reichen, um die bereits im Rückstand befindlichen Aufträge zu erfüllen? Was der Brexit – um nur ein Beispiel für den Einfluss der Politik zu nennen – für die Warenversorgung bedeutet, erleben wir seit Januar 2021: Zehntausende von Lkw stecken auf beiden Seiten des Kanals fest – alle gut gefüllt mit Waren, die auf der jeweils anderen Seite dringend erwartet werden.

Ist das nicht exakt die Zeit, das eigene Bestellverhalten zu überdenken? Und dabei die auf den Preis/Stück reduzierten Entscheidungsmechanismen infrage zu stellen? Ist es nicht an der Zeit, ein aktives Risiko- und Lieferanten-Management aufzusetzen? Ich meine ja, denn das sind wir unseren Kunden schuldig! In einer Presseveröffentlichung des BME vom 9.11.2020 heißt es: „Auch wenn Corona irgendwann vorbei ist, wird die alte Normalität nie mehr zurückkehren.“ Nach Ansicht des BME-Vorstandsvorsitzenden gibt es „ […] historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Die Corona-Krise ist ein solcher Moment. Und das muss nicht schlecht sein.“ Ich stimme dem zu und schöpfe Hoffnung!

Thomas Stein, Inhaber,  IMTS Interims Management
„In der Kleb- und Dichtstoffindustrie wird es Zeit, Beschaffungsstrukturen und -mechanismen zu überdenken und ein aktives Risiko- und Lieferantenmanagement aufzusetzen. Wem diese Krise nicht deutlich macht warum, dem ist dann auch nicht mehr zu helfen.“ Thomas Stein, Inhaber, IMTS Interims Management